« Die Erstverkünder des Evangeliums in der Wallfahrtsstätte Lourdes sind die Kranken »

In einem Artikel, der im letzten Bulletin des l‘ AMIL, (N°343) den offiziellen Organ des Büros zur medizinischen Begutachtung in Lourdes veröffentlicht wurde, legte Msgr. Rino Fisichella, Präsident des päpstlichen Rates Förderung der Neuevangelisation, Überlegungen über die Rolle der Wallfahrtstätte in Lourdes zur Neuevangelisation, insbesondere über das Charisma der Kranken dar. Wir veröffentlichen diesen Artikel, der mit dem Titel «Überlegungen zu Wallfahrtstätten in der Kirche, im Bulletin des l‘ AMIL ». veröffentlicht wurde (vollständige Text siehe l‘ AMIL S. 77)

« Die Erstverkünder des Evangeliums in der Wallfahrtsstätte Lourdes sind die Kranken »

Die Beteiligung der kranken Menschen an der Evangelisierung – Überlegungen zu Sanctuarium in Ecclesia

Das Apostolische Schreiben in Form eines „Motu Proprio“ von Papst Franziskus Sanctuarium in Ecclesia bestätigt: „Im Wallfahrtsort werden die Türen weit geöffnet für die Kranken, die behinderten Menschen und vor allem für die Armen, die Ausgegrenzten, die Flüchtlinge und die Migranten „SiE 4). Diese Worte beziehen sich auf jene, die in den Wallfahrtsorten wirken, sie betreffen jedoch besonders die Ärzte, die Krankenpfleger und das Gesundheitspersonal, die jeden Tag mit Professionalität, Selbstlosigkeit und Glaube die Pilger in Lourdes empfangen, insbesondere die kranken und die behinderten Menschen.

Der Wallfahrtsort, ein „Feldlazarett“

Der Ausdruck von Papst Franziskus, der die Kirche mit einem „Feldlazarett“ vergleicht, hat sich allgemein verbreitet: „Ich sehe deutlich, dass die Kirche heute am meisten auf jene Fähigkeit angewiesen ist, die Wunden zu heilen und die Herzen der Gläubigen mit der Erfahrung von Nähe und Geselligkeit zu erwärmen. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder hohen Zuckerwerten fragen. Man muss seine Wunden heilen. Dann können wir den Rest angehen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen… Man muss ganz unten anfangen.“

Mit einem so aussagekräftigen Bild regt Papst Franziskus an, in gewisser Weise die Beziehung zwischen der Kirche und der Welt sowie die Mission zu prüfen, die jeder Gläubige aufgrund seiner Taufe hat. In Anbetracht dessen, dass „Wallfahrtsorte in der Kirche einen hohen Symbolwert besitzen“ (SiE 1), kann man diesen Ausdruck auch für den Wallfahrtsort selbst verwenden, der ein echtes „Feldlazarett“ ist.

Durch ein motus proprio vom 11 Februar 2017, am Festtag unserer Lieben Frau von Lourdes, hatte Papst Franziskus den päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisation damit betraut. In den letzten Monaten entsprach sein Präsident, Msgr. Rino Fisichella, bei zwei Gelegenheiten, der Aussendung des Papstes, um das Heiligtum von Lourdes in aller Sorgfalt zu visitieren, um die Dynamik der Neuevangelisation und seinen pastoralen Ansatz, sowie seine wirtschaftliche Situation und finanziellen Mittel gründlich kennen zu lernen.

Das Werk der Evangelisierung

In einer Zeit wie der unseren, die oft von einer Abkapselung gekennzeichnet ist, die es den Menschen unmöglich macht, in Beziehungen zueinander zu leben, in der das Delegieren die direkte Form der Beteiligung zu verdrängen scheint, verpflichtet uns der Aufruf zur sozialen Verantwortung zu einem Zeugnis, das sich jener unserer Geschwister annimmt, die die meisten Schwierigkeiten haben. Für uns ist das nichts Außergewöhnliches; in der Tat, das ist unsere Geschichte. Gemäß dem Wort des Herrn haben wir beharrlich all dem den Vorzug gegeben, was die Welt abgelehnt hat, da sie es als nutzlos und wenig wirksam beurteilt. Die chronisch kranken Menschen, die Sterbenden, die Ausgegrenzten, die behinderten Menschen und alles, was in den Augen der Welt keine Zukunft und keine Hoffnung hat, wecken das Engagement der Christen. Wir haben Beispiele, die machtvoll auf die Heiligkeit der Männer und Frauen verweisen, die aus diesem Programm die konkrete Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi und den Beginn einer echten kulturellen Revolution gemacht haben. Angesichts dieser Heiligkeit hält kein Alibi stand. Die Utopie tritt hinter die Glaubwürdigkeit zurück und die Leidenschaft für die Wahrheit und die Freiheit wird in jener Liebe gebündelt, die ohne Gegenleistung geschenkt wird.

In diesem Rahmen bekommt der wertvolle Beistand, den zahlreiche Ärzte und Krankenpfleger im Wallfahrtsort Lourdes anbieten, seinen ganzen Sinn als eine echte christliche Verkündigung, die die Würde jedes Menschen ernsthaft in Betracht zieht. Wie wichtig ist diese Gegenwart im Leben des Wallfahrtsortes! Nicht nur für jene, die dort jeden Tag arbeiten und greifbare Zeichen dieser Nähe und dieses Beistandes sind, sondern auch für alle Vereinigungen, die als Pilger in den Wallfahrtsort kommen. In einer Zeit, in der alles nur deshalb möglich zu werden scheint, weil es gekauft werden kann, sollten sich die Zeichen vermehren, die deutlich machen, dass die Liebe und die Solidarität keinen anderen Preis haben als das persönliche Engagement und Opfer. Dieses Zeugnis beweist, dass das persönliche Leben nur dann voll und ganz verwirklicht wird, wenn es sich in den Rahmen eines freien, ungeschuldeten Geschenkes stellt.

Die Wallfahrtsstätte – Ort der Barmherzigkeit

Sanctuarium in Ecclesia erinnert daran, dass der Wallfahrtsort ein bevorzugter Ort ist, an dem die Pilger die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes machen, insbesondere wenn sie zum Sakrament der Versöhnung gehen (SiE 4). Man braucht nur zu schauen, wie voll die Beichtkapelle immer ist, um den Sinn dieser Worte zu verstehen. Doch auch die Ärzte können die Barmherzigkeit Gottes durch ihren wertvollen und oft schweigenden Dienst an den kranken Menschen erfahren. Die kranken Menschen besuchen gehört voll und ganz zu den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit. Im Übrigen hat Jesus selbst diese Erfahrung in der ersten Person gemacht. Er hat kranke Menschen aller Art geheilt: Blinde, Taube, Stumme, sogar Aussätzige, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Et heilte einige aus der Ferne, wie den Diener des Hauptmanns oder die Tochter der kanaanäischen Frau dank ihres großen Glaubens. Er heilte auch zahlreiche Personen, die von bösen Geistern besessen waren. Es ist offensichtlich, dass Jesus viel Zeit mit kranken Menschen verbracht hat. In diesem Sinn drücken die Ärzte, die sich aktiv im Wallfahrtsort engagieren, eine zusätzliche Gnade aus: Die kranken Menschen kommen zu ihnen und bitten sie um ihre Hilfe, damit sie etwas für sie Wichtiges vollziehen können: und zwar die Wallfahrt zur Grotte der Jungfrau Maria. Jene Worte des Evangeliums, die die Ärzte ganz direkt betreffen, können nur einen starken Widerhall in ihnen haben: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Das Paradies erahnen

In Sanctuarium in Ecclesia ist auch zu lesen: „Diese Orte werden trotz der Glaubenskrise, von der die heutige Welt heimgesucht wird, immer noch als sakrale Räume empfunden, zu denen man pilgert, um einen Augenblick der Einkehr, der Stille und der Betrachtung in dem oft hektischen Leben unserer Tage zu finden“ (SiE 3). In diesem Zusammenhang und dank des Wirkens der sehr zahlreichen Ärzte können die, die zur Wallfahrt nach Lourdes reisen, wirklich ein Stück Paradies erahnen: Ein Ort, an dem alles darauf ausgelegt scheint, die kranken Menschen zu unterstützen und sie in die erste Reihe zu stellen. Hier werden sie nicht als Gäste, sondern als Hauptdarsteller empfangen. Die täglichen Aktivitäten werden für sie konzipiert und umgesetzt. Einer der schönsten Aspekte der Wallfahrt für die kranken Menschen wird durch die Fülle an Liebe dargestellt, mit der Menschen sie umgeben, denen sie noch nie zuvor begegnet sind. Die Krankenträger und die Damen, insbesondere die Jugendlichen, die noch nie in Kontakt mit kranken Menschen gekommen sind, tun ihr Bestes, damit diese sich wohl fühlen und überzeugt sind, dass sie geliebt werden. Den kranken Menschen eine Wallfahrt lang in einem Ort wie diesem dienen, kann die christlichen Werte eines Jugendlichen zutiefst festigen.

Der kranke Mensch evangelisiert

In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass die kranken und behinderten Pilger direkt berufen sind, selbst zu evangelisieren, indem sie ihre Krankheit und ihr Leiden in das Geheimnis des Kreuzes und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus eingliedern.

Johannes Paul II. rief diese tiefgehende Wahrheit in Erinnerung, als er sagte: Liebe Brüder und Schwestern, Sie werden in besonderer Weise durch das Leiden geprüft. Sie sind zu einem besonderen Auftrag innerhalb der Neuen Evangelisierung berufen, zu dem Sie Maria, die Mutter der Liebe und des Schmerzens der Menschen inspiriert. Mögen die Vertreter des Gesundheitspersonals Sie bei diesem so schwierigen Zeugnis unterstützen, sowie die Mitglieder Ihrer Familie, die Ehrenamtlichen, die Sie auf Ihrem täglichen Weg durch die Prüfung begleiten.“ Man kann also bestätigen, dass es wirklich die kranken Menschen sind, die im Wallfahrtsort Lourdes am meisten evangelisieren. Sie sind berufen, das Bewusstsein und die Verantwortung anzunehmen, dass sie ausgehend von ihrer eigenen Situation die erlösende Frohbotschaft des Evangeliums weitertragen. Das hat eine große Bedeutung, auch für jene, die sie begleiten und ihnen beistehen, denn das zwingt uns, die Ausbildung intensiv und mit mehr Engagement zu betrachten, auf die keiner verzichten kann, um die Schönheit des Glaubens mit einem stets wachsenden Bewusstsein zu leben. Es ist nicht möglich, unvermittelt Verkünder des Evangeliums zu werden und genauso wenig, dem Leiden von heute auf morgen einen Sinn zu verleihen. All das verlangt eine Vorbereitung, die in dem Maß wächst und reift, wie wir an das Geheimnis der aktiven und wirklichen Teilnahme am Geheimnis Christi und an das Leben in Gemeinschaft mit Ihm glauben, das die Taufe uns schenkt. Diese Perspektive ermöglicht uns, jeden kranken Menschen, der Pilger wird, mit dem Blick des Glaubens zu betrachten und in ihm Christus zu erkennen, der um Hilfe bittet und im Gegenzug dafür Seine erlösende Liebe schenkt. Durch diesen vom Glauben bestimmten Blick machen viele Ärzte die privilegierte Erfahrung, wie sehr die Gnade sich in der Wallfahrtsstätte verbreitet und wie viel Liebe die Jungfrau Maria uns schenkt, die so weit geht, Dinge zu vollbringen, die die Wissenschaften übersteigen und das Wunder der verwandelten und erlösten Menschheit offenbaren.

Zum Abschluss

Zum Abschluss hören wir auf die Worte von Papst Franziskus mit ihrer provozierenden Macht; er schreibt: „Kirche sein bedeutet Volk Gottes sein, in Übereinstimmung mit dem großen Plan der Liebe des Vaters. Das schließt ein, das Ferment Gottes inmitten der Menschheit zu sein. Es bedeutet, das Heil Gottes in dieser unserer Welt zu verkünden und es hineinzutragen in diese unsere Welt, die sich oft verliert, die es nötig hat, Antworten zu bekommen, die ermutigen, die Hoffnung geben, die auf dem Weg neue Kraft verleihen. Die Kirche muss der Ort der ungeschuldeten Barmherzigkeit sein, wo alle sich aufgenommen und geliebt fühlen können, wo sie Verzeihung erfahren und sich ermutigt fühlen können, gemäß dem guten Leben des Evangeliums zu leben” (Evangelii gaudium 114). Das impliziert, dass man sich im gesamten Leben des Wallfahrtsortes – also auch in dem, was die Ärzte, die Krankenpfleger und das Gesundheitspersonal tun – nicht von den zahlreichen Bedürfnissen des Moments überholen lässt, sondern es versteht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das jeder Pilger in seinem tiefsten Inneren sucht, insbesondere wenn er krank oder behindert ist: nämlich das Eintauchen in das Geheimnis des Glaubens, das Hoffnung schenkt, weil wir die wahre Liebe erfahren haben.

S.E. Msgr. Rino Fisichella
Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung
praeses@novaevangelizatio.va